„C-Dur ist eine sehr schöne Tonart!“

Über Franck Adrian Holzkamp und sein Werk

Wer bei neuer Musik an den arg strapazierten Begriff „neue musik“ (in politisch korrekter 70er-Jahre-Kleinschreibweise), „Postmoderne“, „Serialismus“ oder „Avantgarde“ denkt und solcher Musik daher bisher eher ferngeblieben ist, der findet in Holzkamps klangschönen Kompositionen nun Gelegenheit seine ablehnende Haltung dem Schaffen unserer Tage gegenüber revidieren zu können. Eingedenk der Tatsache, dass die heutige Avantgarde schon morgen das modernistische Schlusslicht sein kann, nimmt Holzkamp seinen ästhetischen Ausgangspunkt in der Suche nach Schönheit und Wohlklang in den zerklüfteten (Klang)landschaften der Postmoderne. Obwohl durch seine Ausbildung 12tongeschult, ließen ihn erste Auseinandersetzungen mit der experimentellen Musik unserer Zeit schnell erkennen, dass diese Richtung nicht seinem endgültigen künstlerischen Willen entspricht. Holzkamp will die Musik nicht neu erfinden und für jedes Werk den Hörer eine codierte Sprache erlernen lassen müssen, die dann doch nur zu fragmentarischem Verständnis führt. In seiner fast durchgängig tonalen Musik wird aber auch nicht – wie sonst bei vielen sogenannten Crossover-Produktionen üblich – ein beliebig anmutender Mischmasch aus Stilkopien leicht rezipierbar aufbereitet. Fern eines jeglichen Eklektizismus hat man doch den Eindruck einem Streifzug durch die Musikgeschichte beizuwohnen. Barock „swingender“ Rhythmus, Variationsformen der Renaissance wie die Ciacona und klassische, aber auch verfremdete Harmonik finden ebenso wie polytonale Klänge oder repetetive Minimalpattern („die Albertibässe des XX. Jhdts.“) und virtuose Spielfreude zu einer sehr individuellen Stilistik zusammen, einschließlich einiger Musik für Kinder wie etwa das „Wiegenlied für Verena“ oder „Für Paul“, ein kleines verspieltes Stück für den noch nicht ein Jahr alten Sohn des Komponisten. Seine ansprechenden Werke finden begeisterte Zustimmung bei der überwiegenden Mehrheit von Publikum und Musikerkollegen, denn – so ist Holzkamp überzeugt: „Es gibt noch viele Stücke in C-Dur die geschrieben werden müssen, und ich finde, das ist eine sehr schöne Tonart!“

Georg Büttel
Garmisch-Partenkirchen im Sommer 2005
 


Auf Sibelius´ Spuren

Der Komponist Franck Adrian Holzkamp in Ainola

Es war ein bewegender Moment, als aus Finnland die Nachricht kam, daß ich die Erlaubnis bekommen würde, am 7. Juni 2012 im Rahmen der Bürgerreise zur Celler Partnerstadt Hämeenlinna anlässlich des vierzigjährigen Bestehens dieser deutsch-finnischen Freundschaft ein kleines Konzert zu geben, und zwar in „Ainola“, dem ehemaligen Wohnhaus von Jean und Aino Sibelius. 1974 wurde es von der Familie des 1957 Verstorbenen dem Staat übergeben und ehrt seitdem als Museum und würdige Erinnerungsstätte den wohl bekanntesten finnischen Komponisten. Sibelius ist nicht nur einer der größten Symphoniker des XX. Jhdts., er ist vor allem der Finne schlechthin, finnischer als Mannerheim, Paasikivi, Paavo Nurmi, Koskenkorva und der Joulupukki zusammen, er ist Finnland, oder zumindest so eine Art Nationalheiligtum. Seine atemberaubende Musik hat dem Land in den schwierigen Zeiten der Loslösung von immer wechselnden Fremdbestimmungen sozusagen die kulturelle Identität eingehaucht, und die Zeit von Sibelius´ größten Erfolgen und die Erklärung der finnischen Unabhängigkeit am 6. Dezember 1917 liegen nicht nur zufällig zeitlich nah beieinander. Seine berühmte „Finlandia“ trat als leidenschaftliche Freiheitsmusik ihren Siegeszug um die Welt an und ist heute so etwas wie die (leider nur) inoffizielle Hymne unseres nordischen Nachbarn. Zu seinem 50. Geburtstag am 8. Dezember 1915 bekam Janne – wie ihn seine Familie nannte – von seinen Freunden einen Steinwayflügel geschenkt, der sich heute im absoluten Topzustand spielbereit dort befindet wo er immer stand: im Wohnzimmer seines am Ufer des Tuusulanjärvi gelegenen wunderschönen Holzhauses. Das Gefühl, das mich ergriff als der Flügel von der netten Museumsleiterin Hilkka Helminen für mich geöffnet wurde, ist nicht in Worte zu fassen… es war für mich als Komponist und selber ausübender Musiker jedenfalls die kaum zu begreifende Möglichkeit, dem Komponisten, den ich am meisten bewundere, in einer sehr musikalischen Weise sehr nahe zu sein. Ich begann selbstverständlich mit Werken des finnischen Meisters, „Granen“, „Laulu“ und „Caprice“, um dann schließlich gegen Ende des kleinen Konzertes Sibelius meinen persönlichstmöglichen musikalischen Tribut zu zollen: in drei Jahren ist sein 150. Geburtstag. Die musikalische Welt wird ein Sibelius-Jahr veranstalten, das sich dann wird sehen lassen können. Viele neue Kompositionen werden sich kommentierend oder neuschöpferisch mit seinem Werk auseinandersetzen und sich darauf beziehen, so auch meine gerade entstehende vierte Symphonie „Jean Sibelius muistiin – Im Gedenken an Jean Sibelius“. Aus dieser Symphonie nun spielte ich den dritten Satz, das Largo, und ich spürte, wie an seinem Instrument und in seinem Wohnzimmer die Känge sich erhoben, die ich geschrieben hatte, um sein Andenken zu ehren. Es war ein vollkommener Moment, und über ihm lag ein Zauber, der ganz Musik war… er klingt noch immer in mir nach.
Der Weltbürger Jean Sibelius aus Hämeenlinna verlieh dem kleinen Land mit den großen Wäldern eine niemals wieder verstummende Stimme im Reich der Musik, und er fing – archaisch und modern zugleich – das Rauschen dieser Wälder genau wie die Stille der finnischen Seen in vorher nie gehörter Art und Weise genial ein.
Eben dafür lieben die Finnen ihn und ihr wunderschönes Land, und sie sind dankbar dafür. Ich auch.




Gefühlswelten finnischer Komponisten

CELLE. Mit seinem Programm „Finnische Impressionen“ öffnete der Celler Pianist Franck Adrian Holzkamp am Freitagabend auf Einladung der Deutsch-Finnischen Gesellschaft dem Publikum im Beckmannsaal den Blick in die Gefühlswelten finnischer Komponisten und in deren Meisterschaft, diese mit tonalen Klangformen in Übereinstimmung zu bringen.
 
Natürlich durfte dabei Jean Sibelius nicht fehlen. Zwischen dessen „Drei lyrischen Stücken“ und den introvertierten „Fünf Klavierskizzen“ wusste Holzkamp die Stimmungsschwankungen des Komponisten beispielhaft zu verdeutlichen. Vital und virtuos widmete er sich dem Charme dieser Petitessen, ohne dabei der Versuchung zu erliegen, sie zu großen Meisterwerken aufzubauschen. Und auch mit Werken weniger bekannter Tonschöpfer wusste Holzkamp überzeugend zu begeistern. Mit poetischer Leidenschaft und klangfarblicher Finesse setzte er etwa die zarten melodischen Einfälle des Spätromantikers Erkki Melartin und die vielfältigen Nuancen seiner ausgeprägten Klangfantasie um. Sei es in der „Barcarole“ oder beim Festmarsch aus „Sleeping Beauty“ („Dornröschen“). Ebenso überzeugend entfaltete er das breite Ausdrucksspektrum in Einojuhani Rautavaaras folkloristischer „Spielleute“-Suite. Und mit spannungsvoller Dynamik bewegte er sich im „Garten des Todes“ von Sibelius’ Meisterschüler Leevi Madetoja, als er mit differenziertem rhythmischem Gefühl einen Ausbruch von sich rauschhaft steigernder Gewalt gestaltete und sich im nächsten Augenblick in ergreifende Elegie zu versenken wusste.
 
Mit dem Sibelius gewidmeten emotionsreichen Largo seiner 4. Sinfonie bendete Holzkamp sein anspruchsvolles und abwechslungsreiches Programm.


Von der Druckversion abweichender Originaltext von Rolf-Dieter Diehl